Während des Kaiserreichs wandelte sich Gummersbach zu einer Stadtgemeinde mit einem kleinstädtischen Zentrum, großen Industriedörfern und nach wie vor ländlich geprägten Weilern. Es war die Phase der eigentlichen Stadtwerdung, die sich auch im Ausbau der Infrastruktur und der Errichtung repräsentativer öffentlicher Gebäude insbesondere in der engeren Stadt dokumentierte. Vor allem nach der Jahrhundertwende entstanden z. B. mit dem Landratsamt, der Oberrealschule, dem Lehrerseminar, dem evangelischen Gemeindehaus, der Schützenburg, dem Hallenbad usw. Bauten, die deutlich aus der bisherigen Architektur herausragten und eindeutig städtischen Charakter besaßen. Elektrizitätswerk, Eisenbahnanschluss, Kanalisation und Schlachthof sind nur einige Stichworte, die den Durchbruch neuer Techniken in der städtischen Infrastruktur signalisieren.

Pickhardt&Siebert

Im gesellschaftlichen Bereich war eine Welle von Vereinsgründungen auch Reaktion auf die sozialen Umbrüche und die Suche nach neuem sozialen Zusammenhalt, nicht zuletzt in den einzelnen Ortsteilen. Waren die Gesellschaft „Zur Eintracht“ (1811) und der „Gummersbacher Schützenverein“ (1833) noch vereinzelter Ausdruck neuen bürgerlichen Bewusstseins, wurden nun die Vereine zunehmend zum sozialen Gerüst der städtischen Gesellschaft. Sie differenzierten sich dabei auch nach sozialen wie religiösen Interessenlagen und Bindungen aus; sie bildeten zudem teilweise die Kerne, um die sich soziale Milieus in der Stadt allmählich ausformten. Auch die Parteien wurden immer stärker Vertreter einzelner sozialer Schichten und Religionsgemeinschaften.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs beendete die Aufschwungphase. Angetrieben von starken nationalen Gefühlen unterstützten weite Teile der Bevölkerung in den ersten Kriegsjahren durch Zeichnung von Kriegsanleihen, Sammlungen usw. die Finanzierung des Krieges, den die meisten als gerechten Verteidigungskrieg empfanden.

Kreiselektrizitätswerk
Das 1907/8 errichtete Kreis-
elektrizitätswerk in Dieringhausen
(um 1920)

Lok-Schuppen
Der Lok-Schuppen des Bahnhofs
Dieringhausen (um 1920)

Turnvorführung
Patriotische Turnvorführung (auf der Hermannsburg, um 1912)

 

Q: Bahnhof Gummersbach eröffnet (1893)

Bahnhof Gummersbach

Aus dem Bericht der Gummersbacher Zeitung über die feierliche Eröffnung der Verbindungsstrecke Dieringhausen (Aggerbahn) – Gummersbach – Hagen:
... Von dem Jubel des zahlreich am Bahnhof versammelten Publikums und von dem Donnern der Böller begleitet, fuhr heute früh 7 Uhr 30 Minuten der erste fahrplanmäßige Personenzug mit bekränzter Lokomotive aus der neuen Station Gummersbach. Die zum Bahnhof führende Straße und die Umgebung des Bahnhofs waren dicht mit Masten, deren jeder eine Flagge trug, besetzt. Die Masten waren durch viele hundert Meter Girlanden untereinander verbunden, und es bot das Ganze ein farbenprächtiges Bild dar. Die Stationsgebäude selbst waren ebenfalls auf das Schönste geschmückt. ...

Aus: Gummersbacher Zeitung vom 2. Juli 1893

Bahnhof Niederseßmar
Bahnhof Niederseßmar, 1887 eröffnet;
er trug bis 1893 die Bezeichnung
"Bahnhof Gummersbach".

Bahnhof Vollmerhausen
Bahnhof Vollmerhausen-Berg,1893 mit dem Bau der Verbindung Dieringhausen- Gummersbach eröffnet.

 

Q: Bei uns zu Hause

Aus den Erinnerungen des 1885 geborenen Schlossers Albert Keßler aus Gummersbach-Mühlenseßmar:
... Meine Mutter hat auch gearbeitet, bevor sie geheiratet hat; da ist sie nach Pickhardt medior [Spinnerei in Mühlenseßmar] gegangen; der fing auch sechs Uhr in der Früh an, bis abends acht, und dann wieder zurück zum Erlenhagen, zu Fuß. Sie hatte sieben Schwestern, die sind auch alle zu Pickhardt medior in die Fabrik gegangen.
Ich selber hatte noch neun Geschwister, zwei sind früh gestorben, mit ein und zwei Jahren, einer noch durch einen Unfall mit fünfzehn, die anderen aber sind alle alt geworden. Karl und Werner haben auch bei Steinmüller gearbeitet, Karl ist sogar später Meister geworden, der Erwin ist an die Post gegangen, und Rudolf ist im Steinbruch gewesen, der war später sogar selbständig. ...
Auch wir Kinder haben immer zu zweit in einem Bett geschlafen, bis man geheiratet hat. Vier Mann in einem Zimmer. In den Betten war Stroh. Und wenn ein Zimmer frei war, kamen da Kostgänger rein. Auch die Eltern hatten nur ein Bett, und schon mal schliefen sie zu dritt, wenn ein Kleines da war. Sie müssen so rechnen: Jedes zweite Jahr war einer fällig bei uns. Ich sagte immer, das geht so, wie es bei den Ziegen früher war. Jeder hatte ja zwei Ziegen im Stall; und weil die keine Milch gaben, wenn sie gedeckt waren, ging das abwechselnd jedes zweite Jahr. Und so war das auch bei uns. Jedes zweite Jahr war einer fällig. ...

Aus: „Aber wer was konnte, der wurde auch gelobt“ – Albert Keßler, ein Steinmüllermann, erzählt. In: Woelke, Jürgen:Kapital war nötig. Gründerjahre in Gummersbach und Oberberg, Gummersbach 1985, S. 130 – 133

Steinmüller'sche Kesselschmiede
In der Steinmüller´schen Kesselschmiede (um 1912)

Villen
Großbürgerliche Villen an der Bergstraße (um 1900)

Molkestrasse um 1920
Ein beeindruckendes Ensemble in der Moltkestraße: v.r. Hallenbad, Turnhalle, Oberrealschule (um 1920).

 

Q: Der Kaiser in Gummersbach

... unser Gummersbach bot einen festlichen Anblick. Allüberall wehten Fahnen in den schönen schwarz-weiß-roten Farben, und von den Häusern und Gebäuden grüßte bunter Schmuck herab ... Die Kaiserstraße bot ein buntbewegtes Bild. Wohl selten hat sie eine derartig große Anzahl von Menschen gesehen. Das wogte hin und her und schob und drängte sich, so dass es, vom sicheren Fenster aus betrachtet, einen wunderbaren Anblick darbot. Einen besonders guten Eindruck machten all die zahlreichen Vereine, die in ihren Uniformen und Abzeichen dem Straßenbild eine besondere Note gaben. Kriegervereine, Turnvereine, Feuerwehren, Sanitätskolonne und noch viele andere waren zahlreich vertreten...

Der Kaiser in Gummersbach
Empfang des Kaisers vor dem "Kaiserlichen Amtsgericht" in der Winterbecke

Gegenüber vom Amtsgericht sollte die Begrüßung von Seiten des Herrn Landrats Haarmann erfolgen. Hier hatten sich auch die Herren Offiziere sowie die Stadtvertretung aufgestellt. Ein Posten mit einer roten Fahne zum Zeichen des Halts für den kaiserlichen Kraftwagenführer stand bereit. – Da – ein Ruck geht durch die Menge: Soeben ist Windhagen passiert. Noch wenige Minuten: dumpf brandet das „Hurra“ der Menge aus der Ferne an das Ohr. Näher und näher kommt’s – das kaiserliche Auto biegt um die Kurve, brausende, jubelnde Rufe – ein lautes Kommando: ‘Augen links!’ – die Hände fliegen an den Helm, die Hüte werden geschwenkt – mit einem Ruck hält das Auto.
Und da sahen wir ihn, unseren geliebten Kaiser, um den uns die Welt beneidet. In einfacher schlichter Jägeruniform, den grünen Hut auf dem Haupt und freundlich lächelnd grüßend nach allen Seiten. Eine Woge der Begeisterung schlägt empor. Vergessen ist für den Augenblick aller kleinlicher Hader, kleinliche Zwietracht. Wir fühlen uns als ein zusammengehörendes, fest geeintes Volk, das seinem Herrscher die jubelnde Huldigung darbringt. Da empfinden wir es mit besonderer Deutlichkeit: Wir stehen treu zu Kaiser und Reich, bereit, auch in schweren Stunden für unser Vaterland, für unseren Kaiser Gut und Blut zu lassen. – Lieb Vaterland magst ruhig sein...!

Aus: Gummersbacher Zeitung vom 17. Oktober 1913
Vgl. dort auch die Nachbetrachtungen in den folgenden Ausgaben und als Literatur: Die Kapitel „Jubelnde Huldigung Wilhelm II. im Oberbergischen“, „Direktor Ellenbeck. Ein wilhelminischer Schulmonarch“ und „Im bunten Rock des Kaisers. Das Oberbergische Kriegervereinswesen“, in: Woelke, Jürgen: Auf der Höhe der Zeit a.a.O. S. 158 ff.

 

Q: Krieg! Ende einer Epoche
Auszüge aus Lebenserinnerungen von Gummersbacher Zeitzeugen

Noch auf Tagelohn gegangen
... Als 1914 der Krieg losging, da hat sich mein Vater doch freiwillig gemeldet! Nun, die Begeisterung damals war ja riesengroß. Meine Mutter stand dann aber da mit sechs Kindern! Das älteste 13, und ich als jüngstes gerade 3 Jahre alt. Und die wollten alle was zu essen haben. Und damals gab es nicht wie heute ein Sozialamt oder so etwas. Das war sehr schwer für die Frauen! Da ist meine Mutter auch noch auf Tagelohn gegangen, bei den Bauern. Damit hat sie ein bißchen bares Geld verdient. Bis dann mein Vater – Gott sei Dank – wieder aus dem Weltkrieg zurückkam. ...

Otto Barz (geb. 1911) aus Frömmersbach
bei Gummersbach

Gestrickt
... Im Winter haben wir damals viel gestrickt für die Soldaten: Socken, Schals, Pulswärmer, Wettermützen, wo nur das Gesicht rausguckte. Und dann wurden die Päckchen gepackt. ...

Berta Wiefel (geb. 1905) aus Müllenbach

Sammeln...Sammeln...Sammeln
... Die im Heer und in der Heimat ständig wachsende Futtermittelnot verlangte, daß frisches Laub in möglichst großen Mengen gesammelt wurde, um in den Fabriken zu Futterkuchen verarbeitet zu werden ... Auch Bucheckern und Eicheln wurden fleißig gesammelt. ...

Seminarlehrer G. Kuhs vom
Gummersbacher Lehrerseminar

Als aber der Krieg dauerte ...
... Als aber ein Jahr ums andere der Krieg dauerte, ohne auch nur von Ferne das Ende zu zeigen, da wurde die Zahl der Liebesgaben gering und geringer, der Liebesdienst verlor an Begeisterung und wurde vielfach Geschäft. Die Not hielt Einzug und verschonte wenig Häuser. Da blieb nur für die nächsten Angehörigen eine Liebesgabe, und auch sie mußte recht oft dem Notwendigsten genommen werden. Am größten war die Not für all die Kinder, deren Vater gefallen und deren Mutter in schwerer Werktagsarbeit schaffte. Freigebige Bürgerhände richteten Kinderhorte ein und bauten Waisenhäuser, zu ihren Gunsten fanden Theatervorstellungen und musikalische Vorträge statt. ...

Seminarlehrer G. Kuhs vom
Gummersbacher Lehrerseminar

Sägemehl als Ersatz
... Nach dem Kohlrübenwinter 1917 mussten wir in Gimborn unser Brot holen. Mehl war knapp, so wurde als Streumehl, damit die Brote nicht auf dem Blech festbackten, Buchensägemehl genommen. ...

Fritz Schriever (geb. 1904) aus Würden bei
Gummersbach-Berghausen

Arme junge Männer
... Dann schlichen arme junge Männer im Städtchen herum, die wie im Schüttelfrost zitterten oder nur lallen konnten, vorerst vereinzelt, weil die meisten noch in Lazaretten steckten. Man raunte sich zu, sie seien ‚verschüttet‘ gewesen oder gasvergiftet. Dann walzten die amerikanischen Tanks an den Fronten einher, und die ‚Linien‘ verschoben sich ständig mehr auf den Rhein zu. ...

Heinz Mühlenweg (geb. 1905)
aus Gummersbach

Lange Reihen
... In der Diele seines Hauses hatte Direktor Ellenbeck die Bilder von all den gefallenen Schülern seiner Anstalt hängen. Das waren ein paar lange, lange Reihen. ...

Fernande Osberghaus (geb. 1905)
aus Gummersbach

Aufsässig
... Die Leute waren damals gegen Kriegsende richtiggehend verroht, sogar aufsässig. Wie mich mein Chef, der E. W. Sondermann, mal auf offener Straße heftig und lautstark zur Rede stellte und beschimpfte, weil ich zu spät mit der Kutsche vorgefahren kam, da wurde er von den Passanten grob angegangen. Ich war damals kaum 15 Jahre, und außerdem hatten wir gerade den ersten Weihnachtstag! ‚Du dicker Pfeffersack!‘ hat man ihn beschimpft und ihm sogar Prügel angedroht; er musste ins Haus flüchten, und einer hat ihn bis zur Haustür verfolgt. ...

Paul Kreuzer (geb. 1903) aus Gummersbach

Alle Texte aus: Woelke, Jürgen: Auf der Höhe der Zeit, Gummersbach und Oberberg im Kaiserreich, Gummersbach 1990, S. 181 - 191

Steinmüller
Frauen und Mädchen, fast Kinder noch, ersetzen ihre zur Front
eingezogenen Männer und Brüder (bei L. & C. Steinmüller im Jahre 1916).

1871

Gründung des (zweiten) Deutschen Kaiserreichs

1874

Bau des ersten Dampfröhrenkessels durch Lebrecht und
Carl Steinmüller und Gründung der gleichnamigen Fabrik

1884

Bau des ersten Krankenhauses

1887

Die Eisenbahn, die Aggertalbahn, erreicht das Stadtgebiet

1889

Errichtung eines Elektrizitätswerks für das Zentrum

1893

Fortführung der Eisenbahn nach Norden und Anschluss des Stadtzentrums

1900

Beginn der modernen Stadt-Kanalisation

1906

Die Realschule wird zur Oberrealschule

1908

Bau eines Kreiselektrizitätswerkes in Gummersbach-Dieringhausen

1913

Einweihung des ersten Hallenbades

1914-1918

Erster Weltkrieg


weiter mit Weimarer Republik (1919-1933)