Foto: Stadtarchiv Gummersbach

 

Der "Fliegende Holländer" auf der Aggertalsperre

Ende Oktober übernahm das Stadtarchiv Gummersbach die Sammlung des kürzlich verstorbenen Ingenieurs und Heimatforschers Horst Jäger aus Bergneustadt. Herr Jäger sammelte und archivierte über Jahrzehnte alles, was er über die Aggertalsperre finden konnte. Zahllose Fotos, Ansichtskarten und detaillierte Erläuterungen zur Geschichte und zu den Geschichten der Aggertalsperre füllen mehrere Leitz-Ordner. 
 

Nach der archivischen Aufbereitung des Materials, damit es langfristig auch erhalten bleibt, und der Erfassung in der Archivdatenbank steht die Sammlung der Öffentlichkeit zu Einsicht zur Verfügung. Unter dem Material findet sich auch die Geschichte des "Fliegenden Holländers" auf der Aggertalsperre. Nach der Fertigstellung der Aggertalsperre und dem Erreichen des Stauziels, begann Anfang der 1930er Jahre auch der Wassersport und der Tourismus an der neuen Talsperre im Oberbergischen. Am 26. Juli 1933 taufte der Landrat des Oberbergischen Kreises Dr. Gottfried Adolf Krummacher (1982-1954) ein kleines Motorboot, das vom Rhein an die Aggertalsperre transportiert worden war, auf den Namen Skagerrak. 

Der Skagerrak ist eine Meerenge zwischen Norwegen und Schweden und Schauplatz einer gewaltigen Seeschlacht zwischen der Deutschen Marine und der britischen Royal Navy im Frühsommer 1916 gewesen. Deutsch-nationale Kräfte und die Nationalsozialisten verklärten den Sieg der Deutschen Marine in dieser Schlacht während der Weimarer Republik sowie nach 1933 und stilisierten die Schlacht zum Mythos. 

Neben dem Motorboot- und Ruderboot-Verleih von Josef Reinarz aus Dümmlinghausen konnten Besucherinnen und Besucher der Aggertalsperre nun für 2 Reichsmark eine Rundfahrt mit dem kleinen Motorboot auf der Talsperre buchen. Schnell entwickelte sich das kleine weiße Holzboot, das 27 Passagiere befördern konnte, zu der Attraktion auf der Aggertalsperre. Ein Dieselmotor trieb das Schiff an, an dessen Heck eine schwarz-weiß-rote Reichsflagge wehte. Gerade in den Sommermonaten fuhr das Schiff mit kleinen bunten Fähnchen geschmückt von Lantenbach bis zum Bootsanleger kurz vor der Sperrmauer. Der Steg, der den Passagieren das Ein- und Aussteigen erleichtern sollte, befand sich unterhalb des dortigen Hotels. Vor dort ging die Fahrt weiter bis an die Enden der drei Arme der Talsperre. 

1934 plante der Eigner der Skagerrak auch auf der Lingese Talsperre in Marienheide ein baugleiches Motorboot ab dem folgenden Sommer einzusetzen und ließ dafür aus Königswinter einen Bootssteg anliefern. 1934 verkehrte das Schiff dann auf der Lingese-Talsperre. Es hieß eigentlich "Loreley" und wurde nun auf den Namen "Cromwell" getauft, was den Nationalsozialisten gar nicht gefiel. Der Betrieb auf der Lingese Talsperre rentierte sich jedoch nicht, sodass der Eigner das Schiff Ende August 1934 wieder nach Königswinter bringen ließ. Im Zweiten Weltkrieg war auch die Aggertalsperre von alliierten Luftangriffen bedroht und wurde militärisches Gebiet. Flakstellungen sollten bei Luftangriff die Sperrmauer gegen die Bomber schützen. Der Schiffsverkehr wurde vermutlich auch bald eingestellt. 

Als die US-Truppen am 12. April 1945 Gummersbach befreiten, konnte die Sprengung der Sperrmauer durch fanatische Nationalsozialisten nur knapp verhindert werden. Nach dem Ende des Krieges trieb die Skagerrak führerlos auf der Talsperre. Immer mehr entwickelte sich das Boot zu einem Geisterschiff, das urplötzlich aus einem Nebenarm oder einer kleinen Bucht auftauchte. Wanderer nannte das Schiff bald den "Fliegenden Holländer von der Aggertalsperre". Irgendwann Ende der 1940er Jahre strandete die Skagerrak am Ufer der Talsperre. Lehrer Fritz Mylenbusch (1902-1975) von der Volksschule Lantenbach machte mit seinen SchülerInnen einen Ausflug zu dem Wrack und posierte mit ihnen vor den Resten des Ausflugdampfers. Nachdem der Biggesee fertig gestellt worden war und dort nun Rundfahrten angeboten wurden, wollte der Fremdenverkehrsverein Oberbergisches Land auch auf der Aggertalsperre wieder ein Ausflugsschiff einsetzen. Nach wochenlanger Diskussion wurde das Thema aber im Dezember 1971 zu den Akten gelegt und seit dem nicht wieder diskutiert.

Herr
Manfred Huppertz

Archivar, Historiker